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Sehnsucht Kassel

Nuss mit Schokolade / Eine gefährliche Droge / Die Angst

steigt hoch, die Tränen versammeln sich / Der Bach zwischen

den Wäldern trocknet aus / Die Weltkugel wächst / Doch die

Lichter gehen aus (Rana Matloub, Textsammlung, 2003–14)

 

Die vollständigen Texte der folgenden Artikel entnehmen Sie bitte unserem Kasseler Katalog.

Texte Bernhard Balkenhohl

Rana Matloub

© Rana Matloub, 2014

Warum kann und darf Rana Matloub so »verrückt« sein? Wie kann sie die Realität, Ursache und Wirkung, die natürlichen Zusammenhänge und sogar die Grammatik der Sprache und Zeichen so sehr verlassen? – und doch etwas sagen, was nachvollziehbar ist? Kunst kennt keine Warteräume, sie will immer sofort und auf einmal, das heißt ganzheitlich wahrgenommen werden. Deshalb irritiert und überfordert sie den Betrachter oft zunächst und ist unverständlich. Denn man muss dem ersten Blick weitere folgen lassen, ohne dafür einen sicheren Anfang und eine Richtung zu haben. Dann aber ist die Kunst ein Stellvertreterraum, in dem sich erlebnisreich auf Probe handeln und leben lässt.

Rana Matloub will den Betrachter dorthin entführen, mit ihren Textfragmenten, die in der Ausstellung zu hören sind, aus Alltagsbeobachtungen, Empfindungen, Verwunderungen und Fantasien, mit ihren poetischen Zeichnungen und ihrem Tisch im Warteraum, auf dem ständig wechselnd Obst, Gemüse, Kräuter und anderes mehr die Sinne ansprechen. Sich wieder und neu zu erfahren heißt bei ihr, sich auf das Unmögliche als Möglichkeit einzulassen, dass einem z.B. zarte rote Teppichfäden am Schienbein wachsen, die eine Art Pelz-Ader bilden (»…«, Zeichnung, 2014). Das kann beängstigend sein, kann aber auch zärtliche Gefühle aufkommen lassen – oder eine poetische Metapher bilden für eine ganz eigenwillige »Verletzbarkeit«.

Rana Matloub,1975 in Bagdad geboren, kam 1990 nach Deutschland, studierte 1996-2001 Kunst und Mathematik an der Universität Dortmund und 2001–2005 Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel bei Norbert Radermacher und Dorothee von Windheim. 2005/06 war sie Meisterschülerin bei Norbert Radermacher und 2009/10 künstlerische Assistentin an der Kunsthochschule Kassel. Sie war Stipendiatin des Cusanuswerk und hatte 2006–2009 das Georg Meistermann Stipendium. Sie erhielt 2006 den Kasseler Kunstpreis und 2011 Projektförderung durch das Frauenkulturbüro NRW e.V./Fritz Henkel Stiftung. Seit 2001 sind ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Rana Matloub lebt und arbeitet in Kassel.


Tanja Jürgensen

© Tanja Jürgensen, 2014

Die Fotografien von Tanja Jürgensen gehen ganz anders unter die Haut. Sie hat Patienten angesprochen, um sie in Situationen und Haltungen zu zeigen, die ihrem labilen Zustand entsprechen. Das war besonders schwierig, weil die Anonymität, die »Unsichtbarkeit« der Personen als ein Wesensmerkmal ihres momentanen Selbstverständnisses – und das der Gesellschaft – gewahrt bleiben sollte. Janja Jürgensen hilft ihnen dabei,  indem sie gezielt fotografische Mittel wie Ausschnitte oder Perspektiven einsetzt. Die so Aufgenommenen aber zeigen sich trotzdem. Gerade in diesem Verstecken vor der Kamera wenden sie sich an den Betrachter, zeigen und öffnen sie sich. Es sind ganz kleine Gesten und Körperhaltungen, die hier komplexe Befindlichkeiten und Verhältnisse beschreiben: wie jemand sich wegdreht,  wie zwei sich an den Händen halten oder wie jemand seinen Hund trägt. Sie vermitteln ein Gefühl, dass sie da sind, dass sie Kontakt brauchen, dass sie Hoffnung auf ein anderes Weiterleben haben. Um das zu verstärken hat Tanja Jürgensen die Personen freigestellt. Gleichzeitig hat sie damit eine weitere Dimension von Anonymität erzeugt und ihre Protagonisten in ihrem Sich-Kleiden und Sich-Verhalten zu exemplarischen Personen gemacht.

Tanja Jürgensen, 1971 in Reinbeck bei Hamburg geboren, hat 2003–2008 Anglistik und Darstellendes Spiel an der Universität Kassel und parallel dazu 2000–2009 Kunstpädagogik und Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel studiert. 2010/2011 war sie Meisterschülerin bei Bernhard Prinz. 2002 erhielt sie den Grafik Preis der Universität Kassel, 2009 den Preis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot-Stiftung. 2011 wurde sie für den Photo Diploma Award, Poznan, nominiert, 2012 ausgewählt an der Biennale Mulhouse teilzunehmen. Seit 2002 sind ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Tanja Jürgensen lebt und arbeitet als freie Fotografin in Kassel und Bremen.


Stephan Balkenhol

© Stephan Balkenhol, »o.T.«, 2014

Stephan Balkenhols »Männer mit weißem Hemd und schwarzer Hose« sind inzwischen zu einem Synonym für den Menschen geworden, der, so konkret er sich auch gibt, gleichzeitig und gerade darin etwas Grundsätzliches ist und zeigt. Für ihn greifen Kategorien wie Falsch- oder Richtigsein, GesundoderKranksein nicht. Gefordert ist die Aufmerksamkeit für das So-Sein. So stehen seine Figuren auf ihrem Sockel, aus dem sie gehauen sind, als wendeten sie sich nicht an den Betrachter sondern ganz allein an sich selbst. Sie sind sich in dem was sie gerade tun und wo sie sind selbst bewusst – selbstbewusst, und lassen es zu, dass man sie darin ansieht.Darüber hinaus zeigt Stephan Balkenhol als Bildhauer deutlich, dass und wie seine Figuren aus dem Holz geschlagen sind, dass sie »gemacht« sind. Damit verweigert er sowohl die Abbildung, die nur wiederholt, was bereits zu sehen ist, als auch die Illusion, die vortäuscht, dass das Bildnis einer Realität entspricht. Weder Realismus, noch Apathie oder Fatalismus, noch Heilsversprechen also sind die Lösung für diese Menschen. Es gibt keine Botschaft, kein Rezept, aber den Vorschlag für eine Imagination von einem Sosein und Verhalten, was das Menschsein wertvoll macht.

Stephan Balkenhol, 1957 in Fritzlar geboren, studierte 1976–82 HfbK Hamburg bei Ulrich Rückriem und ist seit 1992 Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe. Er lebt in Karlsruhe, Meisenthal (Fr), Berlin und Kassel. Seit 1983 hat er zahlreiche Ausstellungen in Galerien, Museen und Ausstellungshallen weltweit. Seine letzte große Einzelausstellung war 2009 in den Hamburger Deichtorhallen (anschließend im Musée Grenoble) zu sehen. Seine spektakulärsten jüngsten Arbeiten sind der »Balanceakt«, 2009, zur Erinnerung an den Mauerfall in Berlin, die Ausgestaltung der Elisabethkirche in Kassel, 2012, parallel zur documenta(13), und das Richard Wagner Denkmal in Leipzig, 2 013, aufgebaut auf dem Sockel von Max Klinger.

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