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Sehnsucht Bremen

Texte Bernhard Balkenhohl

Sehnsucht ist ein intensives und intimes Gefühl. Sie entsteht im Innehalten, im Aussteigen aus dem alltäglichen Tun, das nicht ausreicht, die Person zu füllen. Sie richtet den Blick auf ein Ziel, das greifbar ist aber nicht erreichbar zu sein scheint. Sie malt sich eine Zukunft aus, die den ganzen Menschen erfasst und dadurch Energien schafft, den Alltag und das Schicksal in der Hoffnung auf eine Wende zu relativieren und zu ertragen. Bricht die Vision, bleibt manchmal eine Sucht, die sich nur noch auf den Zustand des Sehnens, nicht auf deren Ziel und Gegenstand richtet. Dieser Zustand ist dann möglicherweise kein Innehalten mehr, das mit einem Seufzer endet, sondern ein Aussteigen in Resignation und Selbstmitleid, in Depression oder gar in eine kurzfristig in sich schlüssige und wohlige Parallelwelt – aus der es dann schnell kein Zurück mehr gibt. Grund dafür können die Verhältnisse sein, die sich tatsächlich nicht ändern lassen, oder die mangelnde Kraft, Veränderungen anzugehen, fehlende Unterstützung und Erfolge. Grund kann aber auch eine Enttäuschung sein. Die Vision entpuppt sich als ein falsches Versprechen, eine glänzende, glatte Oberfläche, hinter der sich ein vielleicht noch schmutzigerer Alltag auftut – oder nur Leere.

Die vollständigen Texte der folgenden Artikel entnehmen Sie bitte unserem Bremer Katalog.

Birgit Brenner

© Birgit Brenner

Bei Birgit Brenner ist fast alles aus Pappe, das einfachste und graueste Material, in das man was einpacken, aus dem man was bauen kann. Selbst ihr Schmuck ist aus Pappe. Golden angesprüht, viel zu groß und an dicken rostigen Drähten aufgehängt sind „Flügel“, „Blatt“ und „Vogel“ Metaphern für Versprechen und Hoffnungen, die zu dick aufgetragen sind. Birgit Brenner beschreibt das Glück, nach dem jeder greift, als Fehlschlag oder als bereits eingetretene Katastrophe. Beides ist kein Schicksal, sondern eher ein notwendiger Zufall. Niemandem ist eigentlich klar, was wirklich und warum passiert. Es hat „so schön angefangen“, mit „freust du dich?“ und der Hochzeitstorte, mit dem Spielerglück, das dann doch nicht nach Hause, in die „vier Wände“, getragen wird. „Rote Augen und Rotz“ sind das Ergebnis, denn nur das, was tatsächlich passiert, zählt – und fordern dann eine Bewertung und ein Weitermachen.

1964 in Ulm geboren, studierte 1985-1990 Kommunikationsdesign an der Fachhochschule für Gestaltung in Darmstadt, 1990-1995 an der Hochschule der Künste Berlin und war 1996 Meisterschülerin bei Rebecca Horn. Sie hatte diverse Stipendien, 1996 DAAD Paris, 1997 KUNSTFOND e.V., Bonn, 1998 Kunststiftung Baden-Württemberg, 2001/2002 P.S.1-Stipendium, New York/USA. 2003 erhielt sie den Christian Karl Schmidt Förderpreis für zeitgenössische Kunst, 2004 den Kunstpreis Tisa von der Schulenburg-Stiftung. Sie ist international mit zahlreichen Ausstellungen aufgetreten, zuletzt z.B. mit „Ten Code 56, 2014, und „Keiner hilft“, 2012, beide in New York/USA, oder „Alles auf Anfang. Bitte“, 1012, Galerie EIGEN + ART Berlin. Ihre Arbeiten sind in zahlreichen öffentlichen Sammlungen vertreten, so z.B. in der Bundessammlung zeitgenössischer Kunst, Bonn, der Sammlung Falckenberg, Hamburg, oder der Sammlung Goetz, München. Seit 2007 ist sie Professorin für Installation an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Birgit Brenner lebt und arbeitet in Berlin und Stuttgart.


Thilo Jenssen

© Thilo Jenssen

Thilo Jenssen nimmt in der Suchtmedizinischen Praxis Bremen-Burglesum auf, was für Kassel galt. „Stabile Seitenlage“ und „smouth operator“ sind zwei Serien von Malereien, die sich mit der Bewältigung plötzlicher Notlagen beschäftigen. Es ist der Zugriff des Helfers, der den „Verunglückten“ auffordert, sich zu beruhigen und wieder in den Griff zu kriegen. Als aktive Passivität könnte man die notwendige Haltung beschreiben, eine labile Situation von Hinnahme, Geduld und Anstrengung. Das ist typisch für die Arbeiten in Bremen, wo Patienten wie Besucher nicht mehr ausweichen konnten und Teil der künstlerischen Installationen und damit der therapeutischen Intervention wurden.

1984 in Daun geboren, hat von 2006 -2014 an der Kunsthochschule Kassel und der Universität Kassel Kunst und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien und Bildende Kunst bei Florian Slotawa und Christian Phillip Müller studiert. 2015 erhielt er das Otto-Braun-Stipendium. Seit 2011 waren seine Arbeiten u.a. in Kassel, Dresden, Berlin und Manchester, zu sehen, zuletzt mit "bis gleich, bis gleich" in Berlin. Thilo Jenssen lebt und arbeitet in Wien.


Tanja Jürgensen

© Tanja Jürgensen, 2014

Tanja Jürgensen hat Patienten und Patientinnen aus der Praxis angesprochen, um Porträts von ihnen zu machen. Das war schwierig,weil es ihr nicht darum ging, „interessante Personen“ abzulichten.
Sie ist auf jeden Einzelnen zugegangen, hat versucht, jeden in seiner Geschichte, seiner jetzigen Situation und Motivation kennenzulernen und Vertrauen zu gewinnen. Und sie hat ihnen deutlich machen können, dass sie keine Show will, sondern dass sie anihrem labilen Zustand interessiert ist, der darin besteht, dass sie
Menschen sind, die ihre Krankheit erkannt haben, dazu stehen und sich helfen lassen wollen, ohne sich dadurch selbst zu diskriminieren und ihre Würde zu verlieren. Um ein Bild zu geben für die Balance zwischen dem Bedürfnis nach Anonymität, nach „Unsichtbarkeit“ einerseits und die Einsicht, dass es ohne Selbstbewusstsein
nicht geht, hat Tanja Jürgensen den Porträts die Orte und Landschaften hinzugefügt, in denen diese Menschen sich aufhalten. Titel wie „hinter der Bahn“, „silberner Busch“, „schwarzer Baum“,etc. zeigen, dass es hier um Orte geht, die kein eigenes Gesicht haben. Vielleicht kennzeichnet sie ein Detail, das man sich merken
kann wie „Wagon“ oder „Masten“, um einen Treffpunkt ausmachen zu können. Es sind öffentlich zugängliche Orte, die aber anonymsind und Anonymität gewährleisten.

Tanja Jürgensen, 1971 in Reinbeck bei Hamburg geboren, hat 2003–2008 Anglistik und Darstellendes Spiel an der Universität Kassel und parallel dazu 2000–2009 Kunstpädagogik und Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel studiert. 2010/2011 war sie Meisterschülerin bei Bernhard Prinz. 2002 erhielt sie den Grafik Preis der Universität Kassel, 2009 den Preis für Dokumentarfotografie der Wüstenrot-Stiftung. 2011 wurde sie für den Photo Diploma Award, Poznan, nominiert, 2012 ausgewählt an der Biennale Mulhouse teilzunehmen. Seit 2002 sind ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen zu sehen. Tanja Jürgensen lebt und arbeitet als freie Fotografin in Kassel und Bremen.


Ekachai Eksaroj

Ekachai Eksaroj

Ekachai Eksaroj verwandelt den Anmeldebereich des Suchttherapiezentrums in eine Hotellobby, indem er rote Teppiche zum Tresen hin verlegt. Goldene Absperrungen mit dicken roten Seilen begleiten den chronisch Kranken auf seinem Weg aus der Sucht. Das ist fast zynisch – wie der Glaube, dass die Substitution, die hier vergeben wird, die Lösung ist. Aber dieses Versprechen macht hier keiner. Stattdessen geht es um ein realistisches Umgehen mit
dem eigenen Leben in einer sehr widersprüchlich vorgefundenen Gesellschaft. Die eigene Realität in seiner Geschichte und dem Jetzt zu erkennen braucht es ein Anhalten, Abstand und Hinsehen.

1978 in Bangok/Thailand geboren, hat 2001-2004 im Lette Verein Berlin Modedesign studiert, absolvierte ein Praktikum bei KENZO in Paris und ist staatlich geprüfter Modedesigner. Er studierte 2007-2012 an der Kunsthochschule Kassel bei Stefan Demary und Urs Lüthi und war 2012/13 Meisterschüler von Thomas Rentmeister an der HfbK Braunschweig. Seit 2001 ist er Fashion Stylist, arbeitete an verschiedenen Kostüm- und Bühnenbildproduktionen mit und führt ein eigenes Modelabel unter seinem Namen im dafür gegründeten Showroom für Kunst und Design LAGE kassel. Seit 2008 zeigt er kontinuierlich seine künstlerischen Arbeiten, u.a. in Düsseldorf, Kassel, Berlin, Hannover und New York. Ekachai Eksaroj lebt und arbeitet in Kassel.


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