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Ausstellung Berlin

Mit der letzten Ausstellung im Kunst Lager Haas in Berlin geht SEHNSUCHT an die saubere Öffentlichkeit des White Cube. Die Ausstellung gibt den chronisch Kranken damit eine prominente Identität und Öffentlichkeit, die in krassem Widerspruch zu ihrem „schmutzigen“ Zustand, ihrer tatsächlichen Situation steht. Es geht darum, Sucht als Volkskrankheit und deren Stigmatisierung sichtbar zu machen. SEHNSUCHT will damit deutlich machen, dass weder Medizin, Therapie noch Kunst einfach alles wieder heil machen kann, dass also das Problem nicht abgeschoben werden kann. Es generiert sich aus zu vielen widersprüchlichen Faktoren, die inkompatibel bleiben. Das heißt: Es geht nur anteilig, in Bewältigung von Aufgabenstellungen, die in die Verantwortung von Medizin und Therapie, Politik und Gesellschaft, mediale Öffentlichkeit und Kultur, nicht zuletzt an jeden einzelnen Betroffenen wie nicht Betroffenen gegeben werden muss.

Dazu braucht es keine Kunst als Aufklärung oder Plakat mit moralischem Zeigefinger. Wirksamer und glaubwürdiger ist die Kunst in ihrem eigenen Zugriff auf das Thema und als spezifische Form der Auseinandersetzung und Ansprache.

Neben den unten genannten Künstlern stellen auch alle Künstler der Ausstellungen in Kassel und Bremen in Berlin aus.

Das sind Rana Matloub, Tanja Jürgensen, Stephan Balkenhol, Ekachai Eksaroj, Birgit Brenner und Thilo Jenssen.

Julia Charlotte Richter

Die Video-Künstlerin Julia Charlotte Richter hat sich in den letzten Jahren eine bewusst über-ästhetische Bildsprache angeeignet, in der sich Traum und Alptraum mischen, die den Schrecken und die Poesie des Moments in einer bildgewaltigen Komposition zusammenführt. Es ist „großes Kino“ für sehr private und labile Situationen. Meist entwickeln sie sich unmerklich und wie von einer undefinierten Kraft erzeugt und getrieben. Anders als im Kino aber haben sie keine Story und bieten auch keine Lösungen. Es bleiben „Bilder“. Ihre Protagonisten sind meist heranwachsende Jugendliche und junge Erwachsene, Menschen also, die im „noch-nicht-aber-doch-schon“ leben, die also ihre Identität suchen, sich darin versuchen, verführen, ausleben.

In der einkanaligen Videoprojektion „ CAMP“ verschwimmen Grenzen des Spiels mit verstörendem Ernst. Eine kleine Gruppe von Kindern aus offenbar gut situierten Familien hat sich in einem leer stehenden, kleinen Gebäude ein temporäres Lager errichtet. Die Kinder schlafen tief, eingerollt in ihre Decken. Dann steht eines der Kinder auf und beginnt ganz leise, die anderen Kinder zu wecken. Offenbar kennen die Kinder ihr Ritual. Sie fangen an zu flüstern, in ihre Hände hinein und dann nach oben gerichtet. Sie scheinen eine Kraft zu beschwören, Kontakt aufzunehmen mit jemandem oder mit etwas. Es ist eine undurchschaubare Szenerie eigenartiger Aktionen, internalisierter Handlungen zwischen Besessenheit, Kinderspiel, Hypnose und Anbetung. Sie steigert sich zu einer Choreografie aus Flüstern, Summen und Murmeln, Berührungen und Bewegungsmustern, die immer intensiver werden. Die Kamera kommt den Protagonisten sehr nah und verringert die Distanz des Betrachters bis in intimstes emotionales Miterleben. Nach einigen Minuten endet das Ritual. Die Atmung beruhigt sich. Schweißperlen und weit aufgerissene Augen zeugen von einer Art hypnotischem, absurdem Rausch, der einer für den Betrachter nicht definierten Zielsetzung gedient hat.

„Ich beschäftige mich in meinen Arbeiten“, sagt Julia Charlotte Richter, „mit den Konflikten und Auseinandersetzungen, die sich im Suchprozess nach einer erfüllten Existenz entwickeln. Meine Videos sind der stetige Versuch, metaphorische Orte des Übergangs zu kreieren. Es ist der Blick auf eine gesättigte Gesellschaft der konsumierbaren, gezüchteten, effizienten Träume – und auf eine Gesellschaft der konstruierten Angst und der Umwälzung, in der Sicherheit und Behütung nicht mehr versprochen werden können.“


Daniela Witzel

„Hast Du den Himmel schon gesehen?“ Diese Frage richtet Daniela Witzel mit einer Zeichnung an ein junges Mädchen, das hinter den Augenklappen die Augen verschlossen hat. Halb ist sie Marionette,  halb Gliederpuppe. Die Fadenkreuze werden von einer winddurchflossenen Aureole um ihren Kopf getragen. Aus dem Bildrand greifen weitere Fäden nach den Füßen, die sich bereits zu Fäden versponnen haben, und den Händen, die absurd abgetrennt sind, hängen sie doch am Strang der Adern. Neben ihr wächst ein Kokon wie aufgetürmte Mützen bis auf Lebensgröße. Es ist nicht klar, ob sie aus ihm gewachsen ist oder gemeinsam mit ihrem dünnen Schatten sanft und dünn hineingezogen wird. Ihre Brust hat ein Loch, das mit einer Art Wunde verbunden ist, die ebenfalls an Marionettenfäden hängt. Das alles und mehr ereignet sich auf dem leeren Blatt – und ist doch kaum zu beschreiben.

Denn die Zeichnungen von Daniela Witzel sind poetische Erfindungen, die sich zeichnerisch aus sich selbst zu bilden scheinen. Es gibt darin oft keinen Anfang und kein Ende. Die gezeichnete Linie durchlebt eine ständige Verwandlung und lässt die Gebilde kippen von einer Bedeutung in die andere – ohne dabei sich selbst zu verlieren. Sie schafft damit ihren eigenen Raum, ihre eigene Architektur, entwickelt eigenwillige kompositorische und erzählerische Strukturen und Gebilde, parallel zur gesicherten Realität. Sie gebiert eigenartige Wesen und erzählt mit und aus ihnen heraus in assoziativer Logik absurde Geschichten. „Lass, IST NUR’N SCHLECHTER TRIPP.“, „DEN KNOTEN BEKOMMST DU NIEMALS WIEDER RAUS“, „UNkraut  bleibt UNKRAUT Bis UNter die Erde“, das sind Beispiele von Notizen, rätselhaft verspielte Tagebuch(auf)Zeichnungen und gleichzeitig böse Merkblätter einer Verzauberten. Das gilt auch für das Heft „Karussell im Kopf“, das sie zum Thema gezeichnet hat. Es beschreibt den Einstieg in eine Fahrt im Kreis, die nicht enden soll – eine Kinder-Sehn-Sucht. Kostenlos und unverbindlich angeboten, wird die Fahrt zur Falle, der Rausch zur Hölle.

Ein süßlich strenger Geruch, angenehm chemisch, liegt in der Luft. Man versucht sofort, ihn zu identifizieren, um sicher zu gehen. Gerüchen kann man sich nur schwer entziehen, denn wir atmen sie ein mit der Luft, die wir zum Leben brauchen. Geruch ist nicht greifbar, nicht handhabbar. PATTEX, ruft die Erinnerung. Die Ausdünstung dieses speziellen Klebstoffs ist wie eine Marke, ein Label, das sich für viele in ihrem Geruchswissen fest eingenistet hat.


Thomas Rentmeister

Ein süßlich strenger Geruch, angenehm chemisch, liegt in der Luft. Man versucht sofort, ihn zu identifizieren, um sicher zu gehen. Gerüchen kann man sich nur schwer entziehen, denn wir atmen sie ein mit der Luft, die wir zum Leben brauchen. Geruch ist nicht greifbar, nicht handhabbar. PATTEX, ruft die Erinnerung. Die Ausdünstung dieses speziellen Klebstoffs ist wie eine Marke, ein Label, das sich für viele in ihrem Geruchswissen fest eingenistet hat.

Quelle ist ein großformatiges „Bild“ von Thomas Rentmeister. Die Leinwand ist „all over“ mit PATTEX „zugeschmiert“ und ergibt ein seltsam milchig gelb-braunes Objekt. Wie der Geruch aber ist auch die Farbe nicht wirklich identifizierbar. Das „Gelb“ ist mehr Material als Farbe und die Oberfläche undefinierbar transparent matt.

Thomas Rentmeister hat sich nicht analytisch mit der Problematik Sucht beschäftigt, um darüber eine Arbeit zu entwickeln, sondern er hat etwas gesucht, was sich für ihn wie eine Art Vorstellung oder sogar Erfahrbarkeit des Phänomens Sucht herstellt. So real und banal (PATTEX auf Leinwand) dieses Objekt ist, so virtuell ist seine Erscheinungs-, Wirkungs- und Bedeutungsform. Gelb ist die Farbe der Sonne, des Lichts, die – zu lange hineingesehen – blind macht. Gelb wird auch als die Farbe des Gifts gesehen. Gelb ist maltechnisch die schwierigste Farbe, weil sie am schnellsten „verschmutzt“. Beides, diese monochrom aufgetragene Farbe Gelb und die Banalität des Objekts, eröffnen eine Sichtweise von Sucht, die der Eigenschaft des Geruchs sehr ähnlich ist.

Die Arbeiten von Thomas Rentmeister haben häufig keine Titel. Sie illustrieren kein Thema, sie genügen sich selbst. Alles was an Wirkung und Bedeutung entsteht, kommt zum einen aus dem System der Dinge und deren Struktur selbst und zum anderen vom Betrachter als ein „dazu“.

Sich zusammenreißen, an was anderes denken, sich Ziele setzen, etc., diese Strategien helfen nicht gegen die absurde Logik der Verführung z.B. durch Schokolade. Thomas Rentmeister hat eine Unmenge von Nussenia Nuss-Nougat Creme auf den Boden ausgeschüttet, eine verführerische Masse, die durch ihr Viel-Zu-Viel schon wieder ins Ekelige umspringt (Ausstellung „Braun“, Kölnischer Kunstverein, 2001, 16 x 6 Meter). Gleichzeitig erzeugt er damit einen Begriff von Masse und Chaos, der absoluter kaum zu denken und zu machen ist. Er rekurriert damit sowohl auf die „konkrete Kunst“ wie auf die „pop art“, weil er die rigide Objektivität von Minimalismus und dessen ästhetische Absolutheit durch die zurichtende Überführung banaler Gebrauchsgegenstände in eine abstrakte Form erzeugt. Das entspricht der absurden Logik eines Weiß-In-Weiß, dem Weiß des Zuckers, der über eine mit weißer Bettwäsche bezogene Matratze gestreut ist (2005). Oder zu dem Anschließen einer Dreifachverlängerungssteckdose an eine Stromquelle, in deren drei Verteilerstellen wieder drei Dreifachverlängerungssteckdosen gesteckt sind, usw. bis diese wuchernde Vervielfältigung eine (vorläufige) Fläche von 10 x 5 Metern erreicht (Ausstellung „Normaltag“, Städtische Galerie Wolfsburg, 2012). Die Vorstellung solcher Endlosigkeit – und Ausweglosigkeit endet erst in der Realität, dann nämlich, wenn einem der Stoff ausgeht.

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